Sonntag, 12. Januar 2014

Warum natürliche Geburt nicht immaterielles Kulturerbe werden darf

Oder: über die Notwendigkeit eines ganzheitlichen Ansatzes bei der Geburtsvorbereitung 

 
Dieser Artikel ist nicht sonderlich leicht zu lesen. Ich selbst ersticke manchmal an der Übereinanderhäufung der Worte in manchen Sätzen, habe mich aber absichtlich dagegen entschieden ihn umzuschreiben.
Ich bin momentan voller Wut. Keine destruktive Wut, eher eine mit Volldampf nach vorn gerichtete Wut, wenn man den Tatendrang betrachtet. Deswegen verballen sich die Sätze im Text und ich finde das ganz gut so, denn es wäre anstrengend zu versuchen mich anders ausdrücken.

Seid also gewarnt!
In diesem Beitrag geht es kurz um meine Meinung zu dem Antrag auf Aufnahme der natürlichen Geburt ins immaterielle Kulturerbe, der Anfang Dezember 2013 gestellt wurde und darum, wie ich eine ganz ähnliche Zielstellung verwirklichen möchte.


Das Duo aus der berliner Hebamme und Stillberaterin Bettina Kraus und dem Leiter der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe am St. Joseph Krankenhaus Berlin Tempelhof, haben Anfang Dezember, eventuell etwas ironisch, die natürliche Geburt als immaterielles Kulturerbe angemeldet. Gleich mit zehn Anträgen. Dazu hab ich mehrere Gedanken.
Erstens, ein Mann, in der medizinischen Welt hierarchisch ganz oben, tut sich mit einer Hebamme zusammen und beweist dass ich mein Männerbild mal wieder etwas zu sehr ins pauschalisierende Irrationale hab abrutschen lassen. Danke dafür!
Zweitens, ein weiterer Mann, in dieser seltsam verdrehten Welt der männlichen Vorgesetzten in der Frauenheilkunde reiht sich in die Reihe der großen Kämpferherzen inmitten des Machtgerangels um Geburtshilfe und Geburtsmedizin von Leboyer, Odent und Rockenschaub ein und zeigt wiederum, dass Polarität wirklich ein beobachtbares Prinzip ist.
Drittens, spricht sich eine repräsentative Einrichtung und deren wichtige Führungspersönlichkeiten ganz eindeutig für die Natürlichkeit der Geburt und noch eindeutiger gegen den mechanisierenden, den Frauen ihres natürlich angelegten Vertrauens in sich und ihre zur Geburt befähigenden Körper entreißenden Trend aus – was fast noch wichtiger ist, denn die Geburt in der Klinik, die für den größten Teil für das absolut richtigste Wichtigste und überhaupt den einzigen sicheren Weg gehalten wird, steht für all das und vor allem die Notwendigkeit dessen. Und mit 'all das' meine ich jegliche Intervention, von prophylaktischer Kanülensetzung, über den Wehenschreiber bis zum Einsatz von künstlichem Oxytocin zur Wehenanregung und den damit oft verbundenen Kaiserschnitt.
Denn dem gemeinen Volk bleibt oft verborgen, dass es nicht das Krankenhaus, mit seinen schnellen Methoden zum Eingreifen ist, dass in gewissen Notsituationen Kind und Mutter rettet, sondern dass es das Krankenhaus mit all diesen Methoden, den konsensualisierten Normen für Wehenstärke, Geburtsfortschritt und -dauer und so vielem anderen ursächlich eigentlich erst ist, dass diese Notwendigkeit zum Eingreifen hervorruft.
Diesen Teufelskreis der Interventionen, etwas kuschliger oft unter dem Begriff Interventionskaskade geführt, erkläre ich ausführlich genug in dem Artikel über Geburtsphysiologie, in dem deutlich wird, wieso Geburt von Natur aus weder schmerzvoll, noch gefährlich ist.
Wer sich über die Entwicklung von der normalen Hausgeburt zu der verpönten Hausgeburt und der idealisierten Klinikgeburt belesen möchte und vielleicht mit den oft so fälschlich verwendeten Argumenten der niedrigen Sterblichkeit von Mutter und Kind in dem jetzigen Arrangement ein bisschen verwirrt ist, sollte sich vielleicht einmal die berühmte Katzenfabel zu Gemüte führen und bedenken, was verbesserte hygienische Verhältnisse von damaligen Hausgeburtszeitalter zum heutigen mechanisierten Geburtszeitalter verändert haben.
Aber zurück zu meinen Gedanken. Schließlich sind die sehr wichtig ;-)
Viertens, schwenkt dieser Antrag auf den Erhalt der natürlichen Geburt als kulturell wichtiges Wissen nicht nur den Lichtkegel des Fokus' auf die verquere Situation, sondern kommt mehr einer Kapitulation gleich, als einer Kampfansage.
Kulturerbe klingt immer, egal wie aufgeschlossen man ist, nach etwas Altem, das nur noch wegen seiner Schönheit, seines sentimentalen Wertes und der Möglichkeit der anschaubaren Erinnerung an vergangene Zeiten erhalten werden muss.

Es wurde bestimmt schon deutlich, dass ich den grundsätzlichen Grundsatz sehr begrüße, vor allem den Personenkreis aus dem er verkündet wird. Allerdings gebe ich die natürliche Geburt nicht auf. Ich gebe auch nicht den Gedanken auf, dass das, was Geburt eigentlich ist, wieder in die Köpfe und damit auch in die Herzen zurückkehren kann und wieder und das erste Mal weltweit die Norm werden kann.
Ich gestehe, dass ich kein großer Freund des Wortstammes 'norm' und seines Wortfeldes bin. Denn die Existenz einer Norm geht fast immer oder sehr schnell einher mit Ignoranz gegenüber dem Anderen, das aber ebenso Daseinsberechtigung hat.
In Ermangelung einer besseren, passenderen, ebenso knappen und verständlichen Formulierung werde ich allerdings über meinen Schatten springen. ;-)

Fünftens, befürchte ich, dass das nicht der richtige Weg ist. Oder zumindest nur teilweise. Natürlich muss irgendwo begonnen werden. Und eine Persönlichkeit, der aufgrund der geltenden Konventionen zur Glaubwürdigkeit einer Person, so schwer der Boden unter der Füßen fortgerissen werden kann und die immer eine gewisse hörige Reaktion in den Menschen hervorrufen wird, die kann viel bewirken.
Dem stehen aber immer noch die gegenüber die, ich zitiere da den Kommentar einer Dame bezüglich dieses Themas „Überidealisierung des Natürlichen“ nicht gutheißen und das Wort 'natürlich' allein schon ausbuhen.
Nun, natürlich haben die ein Recht auf ihre Meinung und gegen mentale Steinblöcke einzurennen kostet schlichtweg viel zu viel Energie, vor allem da es so viele Frauen gibt, die sich in der momentanen Geburtssituation nicht wohl fühlen und dringend nach Auswegen suchen.
Ich vermeide absichtlich das Wort Alternative, da für mich die Alternative mit 'nicht normgemäß' konnotiert ist. Und das entspricht ihr nicht. Hier sind Norm und nicht normgemäß schlichtweg vertauscht, so dass das nicht normale als Norm gilt und das Normale sogar als Humbug, Zufall oder gar Glück – ich meine, dass die beobachtete Geburt die oft so viel Schmerz bringt und bei der so viel schief gehen kann (man hört das ja oft genug) als die Norm gilt und Geburten ohne Schmerz, die angenehm und schön empfunden werden und die oft ohne den Rattenschwanz der modernen Medizin auskommen (bzw. eben absichtlich darauf verzichten) komisch beäugt und nur zu oft als Unmöglichkeiten verbucht werden.

Ich denke also man muss anders ansetzen. Man muss diesen suchenden Frauen dies Möglichkeit geben, wieder zurück zu finden zum eigentlich Normalen.
In der Pressemitteilung der Klinik zum Antrag auf immaterielles Kulturerbe der natürlichen Geburt stehen genau die Worte: „...Das Wissen um die natürlichen Prozesse und die menschlich zugewandte Betreuung während der Geburt gingen zunehmend verloren -- zugunsten einer technik-orientierten Überwachung. „Was Schwangeren häufig fehlt, ist das Vertrauen und die Kenntnis über die eigenen körperlichen Möglichkeiten, eine Geburt gut zu meistern‘‘, ergänzt Hebamme Bettina Kraus. ...“

Prima Idee, nur wie? Natürlich ist ein guter Ansatz, von oben zu informieren und Exempel zu statuieren, bzw. zu gestikulieren, wie mit diesem Antrag auf Kulturerbe.
Aber eigentlich müssen die Frauen selbst von innen wieder anfangen zu vertrauen. Bisher finden sie da nicht sehr viel Unterstützung. Um die jahrelang angelegten und aufgebauten Vorstellungen und tief verwurzelten Ängste das Thema Geburt betreffend den Boden zu entreißen, bedarf es oft viel Arbeit und Einsatz. Auch wenn es bereits Konzepte gibt, die auch der Verstandesseite Vertrauen schenken (z.B. Hypnobirthing, ein Konzept das angelegt ist Ängste zu verarbeiten und vor allem während der Geburt dafür zu sorgen, dass die Mutter in dem angstfreien, entspannten Zustand sein kann, der für die ursprünglich angelegte, diffizile und hochspezifische Geburtsphysiologie unbedingt nötig ist), aber handelt es sich dabei um Dinge die erlernt werden müssen.
Daran ist nichts Schlimmes, aber mich stört daran, dass all das den Frauen untergründig das Gefühl gibt, sie müssen bestimme Dinge tun, um auf die Geburt vorbereitet zu sein, sonst würde es nichts werden.
Jeder Geburtsvorbereitungskurs sagt genau das: du bist nicht vorbereitet, du musst es erst lernen.
Und das ist großer Blödsinn.
Jede Frau ist für die Geburt bestens ausgerüstet, in dem Artikel über Orgasmic Birth beschreibe ich genau wie fantastisch sie ausgerüstet ist und wie wundervoll es funktioniert, sind die normalsten und einfachsten und eigentlich auch logischsten Voraussetzungen gegeben, die sich für jede Tiergeburt selbst verstehen. Ich meine natürliche Ruhe, Entspannung, Geborgenheit, Angstfreiheit, all das von dem wir wissen, dass man es Säugetieren geben muss, da sie sonst die Geburt unterbrechen. Was auch gut ist, denn somit ist die Mutter in gefährlicher Situation nicht gezwungen zu gebären und sich der Gefahr in ihrem angreifbaren Zustand auszusetzen. Deswegen
wirkt sich jegliche Adrenalinausschüttung ( auch jeden Bisschen Hektik, Stress, Unruhe und Stimulation des Neokortex z.B. durch Licht, Gerede usw.) absolut kontraproduktiv auf den Geburtsverlauf aus. 

 


Allerdings weiß ich selbst, wie es ist, wenn man etwas verstehen und wissen kann, das Gefühl aber nicht hinterher kommt. So kann ein Frau zum Beispiel wissen, dass sie für die Geburt nichts wissen brauch, dass ihr Körper dafür gemacht ist und dass sie für eine wunderbare Geburt einfach nur auf sich selbst hören muss, sie kann sich aber trotzdem vor der Geburt fürchten und von all diesen jahrelang gefütterten Ängsten nicht so leicht loskommen.
Was dann tun?
Für diese Frauen entwickle ich einen ganzheitlichen Geburtsvorbereitungskurs.
Das Wort ist nicht so recht passend, zumindest nicht, wenn man mit anderen Kursen vergleicht, denn dieser Kurs wäre eigentlich nicht nötig.
Aber manche Frauen glauben, dass sie dennoch Vorbereitung benötigen. Und diesen Frauen diesen Glauben zu entreißen und sie mit der Argumentation, dass sie das schon hinkriegen werde, im Regen stehen zu lassen, ist nicht tragbar.

Meiner Erfahrung nach platzt irgendwann der Knoten. Und zwar, wenn man vollkommen stressfrei und erwartungslos immer wieder hört und sieht und spürt.
Nichts weiter soll der Kurs bringen.
Neben logischer Erklärung des Geburtsprozesses, die sich nicht in unnötigen Fakten verstrickt, aber dennoch genügend Puffer für die Verstandesseite geben und sei es nur dazu, dass die sich beruhigt zurück setzen kann, kommen verschiedene intuitionschulende Übungen und ausgewählte Techniken zum Einsatz, die in einem ruhigen, vertrauensvollen, völlig wertfreien und leichtem Umfeld mit den einzig wichtigen Inhalten eines konventionellen Geburtsvorbereitungskurses den Bogen schlagen zu einem einzigen Ziel.
Den Frauen zu helfen, wieder das tiefe Vertrauen in sich zu spüren, dass sie die Geburt als das Fest erleben lassen, das es eigentlich ist – die Ankunft eines neuen Menschen.

Ein Artikel über diesen ganzheitlichen Ansatz der Geburtsvorbereitung und den geplanten ganzheitlichen Geburtsvorbereitungskurs wird bald ein Beitrag folgen. 
 
Viele liebe Grüße von eurer etwas geladenen, aber vor Tatendrang förmlich vibrierenden 
 

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